Die Eltern von Hänsel und Gretel müssen zum Psychotherapeuten

Exposition: Eine karge Küche in einer Polizeistation.

Am Tisch: Polizeipsychologe Dr. Kümmerer.

Am Sideboard: Polizeianwärterin Rosi K.

„Rosi, gleich musst du mit. Da kommen die Eltern von den Dingsda… den Kindern… du weißt schon… stand in der Zeitung…Wie hießen die noch?“ Martin Kümmerer stellte seine Tasse vor Rosi auf den Tisch und fasste sich mit der Hand an die Stirn. „Mensch“, ich werde immer vergesslicher!“

„Die Schlächters?“, fragte Rosi.

Jetzt hatte er sie! Rosi war unkollegial und bräsig, aber vor allem war sie neugierig.

„Der Alte will ja von nichts gewusst haben“, sagte Kümmerer, „hat auf der Couch geschlafen, als die Kinder in den Wald sind. Abends um elf!“. Er schnaubte. „Das glaubt dem doch keiner! Irre Geschichte. Angeblich gehen die Kinder immer so spät ins Bett!“

„Du glaubst, da steckt was anderes dahinter?“, fragte Rosi.

„Klaro“, sagte er, „irgendwas ist faul an der Geschichte. Die Mutter war ja gar nicht da. Die war auf einem Veganer-Retreat in Bad Oldesloe. Ist verbürgt und bezeugt. Die ist sauber. Aber der Alte…Wir müssen rauskriegen, was in dem Haus passiert ist, bevor die Kinder abgehauen sind. Aber die mauern alle. Selbst der Junge. Starrt immer nur auf die Stelle an seiner Hand, wo mal sein Daumen war!“.

Rosi blickte auf. „Ich dachte, der hätte ihr immer ein Stück Holz hingehalten?“, fragte sie und zog die Augenbrauen hoch.

„Das“, raunte Kümmerer, „ist die offizielle Version!. Aber was die Öffentlichkeit nicht weiß,  ist…“, Kümmerer senkte die Stimme. „Diese Hexe hat ihm tatsächlich den Daumen abgehakt. Und nicht nur den Daumen!“. Seine Stimme triefte vor Triumph.

„Was willst du denn damit sagen?“. Rote Flecken breiteten sich auf Rosis Wangen aus.

Kümmerer nestelte an seiner Uhr herum. „Obermeier hat uns verboten, darüber zu reden. Absoluter News-Stop“, sagte er. „Ich bin mal gespannt, wie es heute läuft. Komisch ist, dass immer nur die Eltern heulen. Die Kinder sitzen da wie angewurzelt und glotzen die Wand an. Diese Gretel ist ja nur noch ein Schatten. Und dieser adipöse Hänsel! Wird Zeit, dass die Hexe endlich geschnappt wird. Vielleicht kommen die Kinder dann mal wieder ins Lot!“

„Die Hexe ist flüchtig?“, wisperte Rosi.

„Ja. Wusstest du das nicht?, fragte Kümmerer und verzog die Mundwinkel. Dann beugte er sich vor und flüsterte: „Und im Märchenwald sind schon wieder zwei Kinder verschwunden. Irgendwas ist faul hier. Oberfaul!“.

Hitchhiker

An der Ausfahrt der Raststätte steht er, Daumen hoch,

Schild in der Hand, „Uni Hamburg“.

Camouflage Rucksack

Hipsterbart

Ein Lächeln wie –  

Na, so ein Lächeln eben.

„Nach Altona, schöne Frau? “, fragt er, als er den Rucksack auf die Hinterbank wirft

Er riecht nach Kaffee und Zigaretten und frischem Kopfkissen.

„Du auch?“, fragt er.

Meine erste Zigarette seit 98.  

Ich balanciere sie auf der Unterlippe und drehe im vierten Gang auf, bevor ich bei 140 in den fünften gehe.

„Respekt“, sagt er.

Die Sonne steht jetzt tief. „Greif mal ins Handschuhfach“, bitte ich.

Er legt meine Sonnenbrille in meine geöffnete Hand.

Mit der Brille gehst du als Vierzigjährige durch, hat meine Schwester gesagt.

„Cooles Gestell, RayBan?“, fragt er.

Ich gleite zwischen zwei LKWs nach links.

„Elegant“, sagt er.

Ich blase meinen Pony aus dem Gesicht und drehe das Fenster runter.

Mein linker Arm im Abendwind. Noch 40 Kilometer und man schmeckt schon den Hafen.

Ich drehe das Verdeck auf, um die letzten Sonnenstrahlen einzufangen.

„Auch ein Bier?“, fragt er und zieht eine Dose Becks aus dem Rucksack.

Er reißt die Lasche ab. Bier tropft auf meine Hand. Ich lecke sie ab. Ein paar Tropfen fallen auf meine Beine.

„Hast du Musik?“, fragt er.

Zuerst findet er nichts.

„Peter Gabriel“, sagt er und lacht.  

„Das hört meine Mama auch immer.“

Die Zigarette werfe ich in die Bierdose.

Dann nehme ich die Brille ab und kurbele das Fenster hoch.

„Wir sind bald da“, sage ich.

Übersetzung von: Einzelkind von Billy Collins

Ich habe mir nie eine Schwester oder einen Bruder gewünscht

War ich doch das Zentrum im Universum meiner Eltern

Hatte den Rücksitz ihres Autos ganz

Für mich allein. Ich konnte aus dem einen Fenster gucken

Dann rüber rutschen auf die andere Seite

Ohne Territorialkämpfe ausfechten zu müssen

Und wenn ich ein Spiel

Auf dem Fußboden meines Schlafzimmers spielte, war ich immer an der Reihe

Ungefähr bis meine Eltern in ihren 90ern waren

Da sehnte ich mich nach einer Schwester.

Eine Krankenschwester namens Mary

Die in einem Krankenhaus arbeitet

Das nur ein paar Schritte von meinen Eltern entfernt liegt

Und die alles fallenlassen würde, wann immer ich nach ihr rief.

„Bin in ‚ner Minute da!“ Oder „Bin schon unterwegs!“

Waren zwei Ihrer beliebtesten Sprüche. Und meine auch.

Und jetzt, wo meine Eltern tot sind,

wünschte ich, ich könnte Mary zum Kaffee treffen

Ab und zu würden wir in dieses Italienischen Cafe gehen,

In dieser blauen Ecke sitzen,  in der wir  

Alles noch durchsprechen würden, sogar an Regentagen

Ich blicke in ihre grünen Augen und sehe meine Eltern

Meine Mutter schaut mich aus Marys rechtem Auge an und mein

Vater starrt aus ihrem linken hervor.

Und das erinnerte mich daran,

was für ein langweiliger Vogel ich als Kind war,

ich, ein kleiner  Prinz und ein Einzelgänger

der sich von seiner Gang an einem Samstagmorgen entfernt hatte und eine

Hecke gefunden hatte, hinter der er sich verstecken konnte.

Und der Mary auch diese Geschichte erzählen würde…

Und nie, niemals, würde ich sie in Verlegenheit bringen

Etwa mit einer Frage über ihre Nichtexistenz und vielleicht

Tränken wir noch einen Espresso und hätten noch ein Stückchen Torte

Und ich würde immer die Rechnung zahlen und sie nach Hause bringen.

Wenn ich du wäre

I.

Wenn ich du wäre,

sage ich munter zu meinem Schüler Süleyman (aus dem Iran, 22 Jahre),

würde ich In die Stadtbibliothek gehen. Und lesen. So viel Material. So viele Chancen!

Wenn ich du wäre,

würde ich zu Hause Texte abschreiben. Immer wieder. Das prägt sich ein. Versuch es.

Wenn ich du wäre,

würde ich mit meinem Freund Vokabeln lernen. Regelmäßig. Laut.

Wenn ich du wäre,

würde ich den Stift etwas schräger halten. Zur Verbesserung der Handschrift.

Wenn ich du wäre,

würde ich die Kappe abnehmen.

II.

Wenn Sie er wären

sagt mein Schüler Ali, (aus Afghanistan, 21 Jahre), heiter,

würden Sie Ihre Hausaufgaben in einem Container machen, in dem sie mit drei anderen leben.

Einer stinkt, einer schnarcht und der Dritte fasst Sie an.

Wenn Sie er wären

würden Sie ganze Tage für Ihre todkranken und verängstigten Eltern übersetzen, in Amtsstuben, Behörden und Praxen.

Wenn Sie er wären,

würden Sie in einer Shisha-Bar für fünf Euro die Stunde Geld verdienen, das Sie ihren sechs Geschwistern in den Irak schicken würden.

Wenn Sie er wären,

hätten Sie auf Ihrem Handy Fotos: Überall orangene Schwimmwesten und da hinten versinkt einer.

Auf den Punkt gebracht, sagt er, lächelnd, (er hat viel gelernt im letzten Jahr):

Wir sind nicht Sie. Sie sind nicht wir.

Übersetzung von „Antidotes to fear of death“ von Rebecca Solnit

Gegengift gegen die Angst zu sterben

Manchmal, als Gegengift

Gegen meine Todesangst

Esse ich die Sterne.

In diesen Nächten, auf dem Rücken liegend,

Sauge ich sie aus dem gestillten Dunkel

Bis sie alle in mir sind

Heiß und scharf wie Chilis

Und manchmal quirle ich mich stattdessen

Hinein in ein noch junges Universum

Noch warm wie Blut:

Kein äußerer Raum, nur der Raum

Das Licht von allen noch nicht geborenen Sternen

Wandert gleich einem strahlendem Nebel

Und alle und alles

Ist bereits vorhanden

Nur noch ungeformt.

Und manchmal reicht es

Hier auf Erden zu liegen

Neben den Gebeinen unserer Ahnen.

Und über die Pflastersteinfelder

Unserer abgelegten Schädel zu spazieren

Jeder von ihnen ein Schatz, wie eine Chrysalide

Denkend: Wer immer diese Schale zurückgelassen hat

Ist auf leuchtenden Flügeln davongeflogen.

Onkel Josef

Mein erster Ferienaufenthalt an der Ostsee ist geprägt von der Erinnerung an eine fünfminütige Episode, die zeitlebens erbitterten Streit mit meiner Großmutter Mathilde auslöste. Und das kam so:

Kapitel 1: Die Idylle

Oma Matilde, Opa Heini, Onkel Josef und Tante Käthe, 2 Strandkörbe in Travemünde, dazwischen meine kleine Schwester und ich beim Sandburgenbauen. Es ist heiß. Es ist langweilig.

Kapitel 2: Die Entdeckung

Onkel Josef hat eine Badehose. Brauner Polyester, zusammengehalten von einer weißen Kordel mit Quaste, bis zu den Achselhöhlen hochgezogen. Dies schafft Platz an den Beinausschnitten. Halb entblößt und breitbeinig sitzt der Onkel im Strandkorb. Meine Schwester und ich schielen immer wieder hin, bauen sprachlos weiter muschelverzierte Burgen. Macht ja nix. Erst als die Oma sagt: Am Strand brauch ich meine Brille nicht, erschließt sich uns, warum wir sehen, was wir sehen und die Erwachsenen scheinbar nichts.

Kapitel 3: Die Überraschung

Oma steht auf, setzt sich hinter einen der Strandkörbe (mit Brille) und lugt hinter ihm hervor und betrachtet kichernd Onkel Josefs Gemächt. Onkel Josef räuspert sich im Schlaf und zieht die Badehose noch ein Stückchen höher, Oma kugelt sich im Sand.

Kapitel 4: Die Einnordung:

Opa Heini blickt auf seine Frau, dann auf Onkel Josef und spricht zwei Machtworte: „Josef!“ und „Tille“.

Kapitel 5: Die Idylle, Part 2

Oma Matilde, Opa Heini, Onkel Josef und Tante Käthe, zwei im Sand spielende Kinder mit erweitertem Horizont und ein Erlebnis, das in der Familienhistorie im Kapitel „Weißt du noch?“ gut aufgehoben ist.

Kapitel 6: Die Verleugnung

Zeitlebens hat meine Oma bestritten, je in Travemünde gewesen zu sein.

Der Wörtervogel

Nennen wir sie Rita. Das passt zu ihr, 1974 ist sie zehn Jahre alt. Sie fährt jetzt mit dem Bus in die Eifler Kreisstadt zum Gymnasium, quält sich kurzatmig rauf auf den Berg. Da oben thront das neue Gemäuer aus Beton und Glas, das die Leute in ihrem Dorf den Intelligenzbunker nennen. Im Bus sitzt sie in der hintersten Reihe, steckt die kleine Hand in die Schultasche und streichelt die neuen Bücher, die in durchsichtige Plastikfolien mit rotem Samtrand verpackt sind. Und dann sitzt sie mit 35 Söhnen und Töchtern von Ärzten, Rechtsanwälten und Apothekernauf viel zu kleinen Stühlen. Wenn sie etwas sagt, lachen die anderen. Sie neigt den Kopf und kaut auf ihrenZöpfen, da lachen die anderen auch. Einige Wochen hört sie nur zu, sie ist hier, weil sie was zu sagen hat, meint der Vater, weil sie eine Gewinnerin ist, sagt er, weil sie es allen zeigen wird und da wird ihr doch dieses Lachen nichts ausmachen? Mein Gott, Kind, wenn das dein einziges Problem ist, natürlich gehst du weiter dahin und nein, du kannst nicht zu deinen Freundinnen auf die Hauptschule. Ich hau den Saupänzen eine auf´s Maul… Da erzählt sie dem Vater nichts mehr von dem Lachen. Stattdessen fragt sie die Großmutter, wo die Wörter herkommen. Die bringt der Wörtervogel, flüstertdie Großmutter. Er wohnt in den Wolken und wen er liebt, zu dem fliegt er. Das merkt sie sich. 

Sie versucht jetzt, nicht mehr dat und wat zu sagen, sie trainiert nachts das s an das kleine Wort zu hängen, aber die Wörter wollen sich nichts Neues anhängen lassen. Als sie es schafft, fühlt sich das kleine Wort pelzig auf der Zunge und zwischen den Zähnen an und als sie zum ersten Mal zum Vater sagt, er möge ihr das Brot geben, sagt er, wir sagen hier immer noch dat Brot, merk dir das. Willst wohl große Dame spielen? Hastwohl vergessen, wo du herkommst? Heimlich übt sie weiter, zu Hause sagt sie dat, wat und isch, in der Schule das, was und ich und irgendwann Tich, da lachen sie wieder, der Apothekersohn schaut aus dem Fenster. Mit den Jahren lernt sie, was sie wo sagen darf. 

In der siebten Klasse gewinnt sie den Schreibwettbewerb, den der Schulleiterfür die beste Weihnachtsgeschichte ausgelobt hat, da lachen die Apothekersöhne und Notarentöchter schon lange nicht mehr.  Sie weiß jetzt: Nur wenn sie die Wörter ausspricht, wird es schief und krumm, aber wenn sie die Worte aufschreibt, dann trifft sie genau, die Wörter tanzen nach ihrer Pfeife, der Wörtervogel sitzt auf ihrerSchulter und ein Wort nach dem anderen fließt aufs Papier.

Sie hat jetzt eine Freundin, Maria, mit der sie in den Unterrichtsstunden Briefe austauscht. Im Schreibwarenladen kauft sie dafür kleine Briefumschläge, die nach Veilchenpastillen riechen. Sie schreibt immer mit lila Tinte, das ist jetzt en vogue und sammelt die Briefe in einer Kiste. Während der Lehrer mit einem riesigen Geodreieck an der Tafel herumfuchtelt, schreibt sie Maria, dass der Sohn des Apothekers immer popelt, dass der Wörtervogel sie nachts besuchtund sie Schriftstellerin werden will. Das heißt Autorin, verbessert Maria. Autorin, antwortet sie, das klingt ja, als wollte ich auf einem Thron sitzen. Eines Tages fragt der Vater, ob in der Kiste Liebesbriefe sind, dann liest ereinen nach dem anderen beim Mittagessen vor. Die Geschwister feixen und der Vater stiepst sie mit dem Zeigefinger zwischen die Rippen. Sie krümmt sich. Meine Intelligenzbestie nennt er sie jetzt. Stiepsen sei kein Wort, sagt der Deutschlehrer. Pänz sei auch kein Wort. Viele Worte, die der Vater spricht, sind keine Worte für den Lehrer, deshalb verspricht sie sich, sie aufzuschreiben und sie in der Schule nicht mehr auszusprechen. 

Sie übt.  Immer noch nicht kann sie grün sagen, die Laute bleiben hart, immer wieder sagt sie krün und krau oder plau.  Als sie die Abiturrede hält sind alle Wörter glattgelutscht und nachdem sie vom Podium geschlichen ist, hört sie, wie der Apotheker zu ihren Eltern sagt, es sei doch ein Wunder, was aus Bauernkindern werden kann. Da fragt der Vater ihn, ob sein Sohn immer noch popelt und ob der auch eine Rede vorbereitet hat. Das schreibt sie auf. Sie hat jetzt ein Tagebuch mit Schlüssel, mit Maria tauscht sie schon Jahre keine Briefe mehr, Maria ist nach der Zehnten gegangen und ist Buchhändlerin geworden. 

Bei der Rhein-Zeitung hat sie ein Vorstellungsgespräch, aber das Volontariat bekommt der aus der Apotheke. Den Bauernhof gibt es jetzt nicht mehr. Der Vater zersägt im Schlachthof im Akkord Schweine und hängt die blutigen Hälften ins Kühlhaus. Sie weiß, dass sie nicht Schriftstellerin werden kann. Schriftsteller rauchen Pfeife und haben einen Schreibtisch aus Eichenholz, der in einemBibliothekszimmer steht, vor dem ein Kirschbaum steht, in dem ein Vogel sitzt. Schriftsteller sind berühmt und schreiben Geschichten über Brote und Ratten und haben Schreckliches erlebt. Sie hat noch gar nichts erlebt und einen Kirschbaum gibt es zwischen den engen Basalthäusern ihres Dorfes nicht und so erzählt sie nur dem Wörtervogel und dem Tagebuch von ihrem Traum. Die schweigen. 

Sie wird Deutschlehrerin. Der Vater sagt: Dafür hab ich dich doch nicht auf die Schule geschickt, Schulmeister sind schlimmer als Versicherungsvertreter! In der Mensa trifft sie den Sohn des Apothekers wieder. Mit dem Volontariat hat es nicht geklappt. Jetzt also doch:Pillen und Tinkturen. Als er sagt: Manche Träume kann man nicht leben, aber man kann trotzdem versuchen, glücklich zu sein, vermutet sie eine verwandte Seele. In der Hochzeitsnacht popelt er und schaudernd erkennt sie, dass er immer noch derselbe ist. Der Wörtervogel schweigt ein paar Jahre, aber manchmal kommt er eben doch und dann schreibt sie anonym Geschichten für den „Kölner Stadtanzeiger“, denn es gibt eine Rubrik namens „Unverlangt eingesandt“. Als die Texte erscheinen, fragt der Apotheker: Ach, das, was eigentlich keiner lesen will? 

Da versteckt sich der Wörtervogel weit weg von ihr. Manchmal, wenn er eine Rede für den Freundeskreis der Homöopathie schreiben muss, fragt der Apothekersohn, ob sie ihm zur Hand gehen kann, dann singt der Wörtervogel ein bisschen und wenn die Leute dem Apotheker nach der Rede staunend und lachend auf die Schulter klopfen, dann kratzt er sich am Arm und schweigt und popelt ein bisschen. 

Die Jahre fliegen davon mit Kochen, Yoga, Zen-Buddhismus, Farbtherapie, Homöopathie, Pilates und Gartenarbeit, Buchbindekurs, Stricken, Vogelhausbau. Der Wörtervogel steckt das Köpfchen ins Gefieder. Als der Apotheker stirbt, kocht sie Tee, setzt sich an seinen verwaisten Schreibtisch und spuckt einen Kirschkern in den Garten. Sie schreibt eine Grabrede, bei der sich dem Vorsitzenden der Apothekerinnung die Haare an den Armen aufstellen. 

30 Jahre nach dem Abitur fährt sie zu Maria in die Eifel-Buchhandlung. Als Maria sie fragt, ob sie noch schreibt, zuckt sie die Schultern und atmet ein. Maria fragt auch nach dem Wörtervogel. Erwürg ihn nicht, sagt Maria. Da atmet sie aus. 

In der Schule sind die Flüchtlinge angekommen, acht von zehn sind junge Männer mit flaumigen Bärten und dürrenArmen, sie ducken sich, wenn sie sie anspricht, sie sind 20 Jahre alt und radebrechen und gestikulieren und lächeln verhalten. Sie gleichen keinerWelle, eher einem Brunnen und der Schulpsychologe trichtert ihr ein, dass manche Worte von nun an tabu sind. Boot ist so ein verbotenes Wort und Folter und auch das Wort Mutterbesser nicht! Die Kollegen raufen sich die Haare. Das schaffen die nie hier, sagt einer. An einem Montag geht sie zur Schulleiterin und erklärt ihr ihre Idee. Aber die brauchen doch Fußball, keine Gedichte, sagt die Schulleiterin. Sie bleibt dabei, nimmt ihre Gedichtbücher mit in die Klasse, zwei große Kisten schleppt sie in den dritten Stock und sagt: Lest. Und dann: Schreibt. Was wir wollen?, fragt Mohammad? Egal, antwortet sie. Ich kann das nicht, sagt Can. Du kannst, sagt sie. Darf ich Fuck youschreiben, fragt Suleiha. Schreib es dreißigmal auf, wenigstens so oft du kannst, antwortet sie. Darf ich auch etwas Privates schreiben, fragt Zaira. Ich bitte darum, sagt sie. Ich kann kein Akkusativ, sagt Meltem. Dativ kannst du auch nicht und es ist völlig egal, schreib einfach, sagt sie.

Woher kommen die Wörter, fragt Muharram. Da erzählt sie ihnen vom Wörtervogel und dass sie nur ein wenig warten müssen, stillsitzen und warten,und dann komme er schon. Die Sonne scheint auf alte vernarbte Tische aus Resopal. Einer fängt an zu schreiben. Dann alle. Der Wörtervogel setzt sich mal einem, mal einem anderen auf die magere Schulter. 

Afghanistan ist meine Mutter, mein Vater und mein Kind, schreibt Aliasghar. 

Neulich traf ich den Sensenmann in meiner Straße, schreibt Süleyman. 

Meine Heimat ist eine ranzige Kneipe, schreibt Luzin. 

Ich muss meine Wörter gebären und mein Mund blutet, schreibt Meltem. 

Wo ist der Krieg, wenn alle tot sind?,schreibt Ramazan. 

Was träumt der Wörtervogel, wenn er schläft, schreibt Ali. 

Am Abend liegt sie still und hört dem Kirschbaum vor dem Haus beim Wachsen zu. Der Wörtervogel schläft jetzt und morgen wird ein neuer Tag sein und noch ein Tag und noch einer. Rita lächelt leise. Dann löscht sie das Licht.