Liebe sehr verehrte Personalabteilung des Hotel Nikko in Düsseldorf,

Sie werden diesen Brief nicht lesen, schon wegen der Anrede nicht und das ist auch gut so. Trotzdem muss ich Ihnen schreiben, da ich von meiner Schreibschwester Patricia den Auftrag bekommen habe, ein Bewerbungsschreiben für meinen Traumjob zu verfassen.

1985, vor 34 Jahren, habe ich mich bereits einmal bei Ihnen beworben, damals ging es um einen Ausbildungsplatz in Ihrem Hotel. Sie luden mich und 12 andere zu einem Assessment-Center ein, das war damals eine neue Erfindung und wir durften Gruppenarbeiten machen, bei denen wir von drei Düsseldorfer Blondinen beobachtet wurden. Ich war linkisch, schlechter gekleidet als die meisten und hatte eine Frisur, die in der Eifel damals hipp war, in Düsseldorf weniger, was ich schon geahnt hatte, als ich mit meiner Mutter in den roten Ford-Taunus stieg, um die 130 Kilometer nach Düsseldorf zu fahren. Meine Mutter hatte beschlossen, mich zu dem Termin zu begleiten um auch noch ein Wort mit dem Personaler zu reden. Sie sagte, dies könne sicher nicht schaden könne, zumindest sähe der Personaler dann, dass man aus einem Hause stamme, in dem den Eltern das Wohl der Nachkommen am Herzen liege. Ich sehe meine Mutter immer noch fassungslos in einem Ihrer großen gelben Flure stehen, der Personaler hatte ihr kurz die Hand gedrückt und mit seiner Erheiterung über Ihr Aufkreuzen nicht hinter dem Berg gehalten. Damals war es so, dass bei jungen Bewerbern auf Selbstständigkeit Wert gelegt wurde, wie hätte meine Mutter das wissen können und sicher haben Sie damals nicht gewusst, dass dies sich auch wieder änderte: Seit den 2000er Jahren ist elterliche Begleitung zu Bewerbungsgesprächen wieder ein Vorteil für den jobsuchenden Pubertierenden, aber damals lachten Sie über meine Mutter und da war mein Heranwachsenden-Ich gekränkt und ich beschloss, dass ich nun mal bin wie ich bin und dass ich mir von drei Blondinen hier nicht den Schneid abkaufen lassen würde. Schon um meine Mutter zu rächen. Ich war schließlich Ich.

Da saß ich nun, die schwere Akne nur stümperhaft mit einer Creme namens Clerasil übermalt, einer Frisur, die man damals Hubschrauberlandeplatz nannte und bekleidet mit einer schwarzen Polyesterhose mit weißer Bluse von C&A. Im Assessment-Center fragte mich eine der Blondinen, was ich mit einem Mitarbeiter machen würde, von dem ich wüsste, dass er aus Eritrea stamme und den ich zur Weihnachtszeit dabei beobachtet hatte, wie er ein Huhn aus dem Lager stahl. Melden, sagte der Bewerber neben mir. Natürlich melden. Alle nickten. Ich sagte, ich würde ihm Geld für ein Huhn geben und ihn zu überreden versuchen, das Huhn zurückzulegen. Und wenn er es nicht tut, fragte der Personaler. Was ist schon ein Huhn, habe ich geantwortet und das war meine Disqualifikation. Ich sah das Nein in seinen Augen und ich weiß noch, dass ich dachte, na Gottseidank.

Als die Absage kam, war meine Mutter traurig und ich hatte trotz 139 handschriftlich verfasster Bewerbungen immer noch keinen Ausbildungsplatz und keine Idee, wie es weitergehen sollte. Ich wurde dann eine schlechte Fremdsprachenkorrespondentin mit Null Interesse an einem Bürojob und dann eine engagierte Deutsch- und Politiklehrerin. Ich geben zu, dass ich nach 30 Dienstjahren so weit bin, im Lehrerkalender vor dem ersten Eintrag schon mal vorsorglich die Ferien und Wochenenden mit einem Neonstift zu markieren. An guten Tagen aber (heute ist so ein Tag) denke ich: Alles ist gut so wie es ist. Ich habe meinen Job meistens mit Liebe gemacht und wenn ein Schüler einem anderen 20 Euro aus dem Portemonnaie stahl, dann wurde er nicht entlassen, sondern man appellierte an Einsicht und wenn der Bengel dann das Abitur bestand, wusste man, man hatte das richtig gemacht.

Sie fragen sich sicher, wann denn nun das Bewerbungsschreiben anfängt. Das frage ich mich auch. Wenn ich ehrlich bin (so wie damals im Assessment-Center) habe ich fast 40 Jahre lang gedacht, dass ich damals die falsche Antwort gegeben habe und immer, wenn mir mein Lehrerjob zum Hals raushing, dachte ich wehmütig an diesen einen Augenblick und der Eritreer und das Huhn tanzten vor meinem inneren Auge herum und über den beiden hingen Sätze über verpasste Chancen und alternative Lebenswege. Aber jetzt, da mir durch die von meiner Schreibschwester Patricia auferlegte Schreibaufgabe klar wurde, dass ich mich a.) nie mehr bewerben muss (so denke ich an einem guten Tag) und b.) selbst wenn ich es wollte, es nicht mehr kann (so denke ich an einem schlechten Tag), bin ich sicher, dass ich damals alles richtig gemacht habe. Und Sie einen Fehler. Ich hätte bei Ihnen Karriere gemacht, Ihre Umsatzzahlen gesteigert, mehrmals den Mitarbeiter des Monats gegeben, aber: Sie wollten ja nicht. Deshalb: Steigen Sie mir auf den Hut mit Ihrem bescheuerten Huhn. Versöhnt mit meiner Berufswahl grüße ich Sie aufs Herzlichste. Pägagogisch haben Sie hoffentlich Ihre Assessment-Center in mittlerweile 37 Jahren nachgebessert, zumindest hofft das

Ihre

Kerstin Simon

Der Wörtervogel

Nennen wir sie Rita. Das passt zu ihr, 1974 ist sie zehn Jahre alt. Sie fährt jetzt mit dem Bus in die Eifler Kreisstadt zum Gymnasium, quält sich kurzatmig rauf auf den Berg. Da oben thront das neue Gemäuer aus Beton und Glas, das die Leute in ihrem Dorf den Intelligenzbunker nennen. Im Bus sitzt sie in der hintersten Reihe, steckt die kleine Hand in die Schultasche und streichelt die neuen Bücher, die in durchsichtige Plastikfolien mit rotem Samtrand verpackt sind. Und dann sitzt sie mit 35 Söhnen und Töchtern von Ärzten, Rechtsanwälten und Apothekernauf viel zu kleinen Stühlen. Wenn sie etwas sagt, lachen die anderen. Sie neigt den Kopf und kaut auf ihrenZöpfen, da lachen die anderen auch. Einige Wochen hört sie nur zu, sie ist hier, weil sie was zu sagen hat, meint der Vater, weil sie eine Gewinnerin ist, sagt er, weil sie es allen zeigen wird und da wird ihr doch dieses Lachen nichts ausmachen? Mein Gott, Kind, wenn das dein einziges Problem ist, natürlich gehst du weiter dahin und nein, du kannst nicht zu deinen Freundinnen auf die Hauptschule. Ich hau den Saupänzen eine auf´s Maul… Da erzählt sie dem Vater nichts mehr von dem Lachen. Stattdessen fragt sie die Großmutter, wo die Wörter herkommen. Die bringt der Wörtervogel, flüstertdie Großmutter. Er wohnt in den Wolken und wen er liebt, zu dem fliegt er. Das merkt sie sich. 

Sie versucht jetzt, nicht mehr dat und wat zu sagen, sie trainiert nachts das s an das kleine Wort zu hängen, aber die Wörter wollen sich nichts Neues anhängen lassen. Als sie es schafft, fühlt sich das kleine Wort pelzig auf der Zunge und zwischen den Zähnen an und als sie zum ersten Mal zum Vater sagt, er möge ihr das Brot geben, sagt er, wir sagen hier immer noch dat Brot, merk dir das. Willst wohl große Dame spielen? Hastwohl vergessen, wo du herkommst? Heimlich übt sie weiter, zu Hause sagt sie dat, wat und isch, in der Schule das, was und ich und irgendwann Tich, da lachen sie wieder, der Apothekersohn schaut aus dem Fenster. Mit den Jahren lernt sie, was sie wo sagen darf. 

In der siebten Klasse gewinnt sie den Schreibwettbewerb, den der Schulleiterfür die beste Weihnachtsgeschichte ausgelobt hat, da lachen die Apothekersöhne und Notarentöchter schon lange nicht mehr.  Sie weiß jetzt: Nur wenn sie die Wörter ausspricht, wird es schief und krumm, aber wenn sie die Worte aufschreibt, dann trifft sie genau, die Wörter tanzen nach ihrer Pfeife, der Wörtervogel sitzt auf ihrerSchulter und ein Wort nach dem anderen fließt aufs Papier.

Sie hat jetzt eine Freundin, Maria, mit der sie in den Unterrichtsstunden Briefe austauscht. Im Schreibwarenladen kauft sie dafür kleine Briefumschläge, die nach Veilchenpastillen riechen. Sie schreibt immer mit lila Tinte, das ist jetzt en vogue und sammelt die Briefe in einer Kiste. Während der Lehrer mit einem riesigen Geodreieck an der Tafel herumfuchtelt, schreibt sie Maria, dass der Sohn des Apothekers immer popelt, dass der Wörtervogel sie nachts besuchtund sie Schriftstellerin werden will. Das heißt Autorin, verbessert Maria. Autorin, antwortet sie, das klingt ja, als wollte ich auf einem Thron sitzen. Eines Tages fragt der Vater, ob in der Kiste Liebesbriefe sind, dann liest ereinen nach dem anderen beim Mittagessen vor. Die Geschwister feixen und der Vater stiepst sie mit dem Zeigefinger zwischen die Rippen. Sie krümmt sich. Meine Intelligenzbestie nennt er sie jetzt. Stiepsen sei kein Wort, sagt der Deutschlehrer. Pänz sei auch kein Wort. Viele Worte, die der Vater spricht, sind keine Worte für den Lehrer, deshalb verspricht sie sich, sie aufzuschreiben und sie in der Schule nicht mehr auszusprechen. 

Sie übt.  Immer noch nicht kann sie grün sagen, die Laute bleiben hart, immer wieder sagt sie krün und krau oder plau.  Als sie die Abiturrede hält sind alle Wörter glattgelutscht und nachdem sie vom Podium geschlichen ist, hört sie, wie der Apotheker zu ihren Eltern sagt, es sei doch ein Wunder, was aus Bauernkindern werden kann. Da fragt der Vater ihn, ob sein Sohn immer noch popelt und ob der auch eine Rede vorbereitet hat. Das schreibt sie auf. Sie hat jetzt ein Tagebuch mit Schlüssel, mit Maria tauscht sie schon Jahre keine Briefe mehr, Maria ist nach der Zehnten gegangen und ist Buchhändlerin geworden. 

Bei der Rhein-Zeitung hat sie ein Vorstellungsgespräch, aber das Volontariat bekommt der aus der Apotheke. Den Bauernhof gibt es jetzt nicht mehr. Der Vater zersägt im Schlachthof im Akkord Schweine und hängt die blutigen Hälften ins Kühlhaus. Sie weiß, dass sie nicht Schriftstellerin werden kann. Schriftsteller rauchen Pfeife und haben einen Schreibtisch aus Eichenholz, der in einemBibliothekszimmer steht, vor dem ein Kirschbaum steht, in dem ein Vogel sitzt. Schriftsteller sind berühmt und schreiben Geschichten über Brote und Ratten und haben Schreckliches erlebt. Sie hat noch gar nichts erlebt und einen Kirschbaum gibt es zwischen den engen Basalthäusern ihres Dorfes nicht und so erzählt sie nur dem Wörtervogel und dem Tagebuch von ihrem Traum. Die schweigen. 

Sie wird Deutschlehrerin. Der Vater sagt: Dafür hab ich dich doch nicht auf die Schule geschickt, Schulmeister sind schlimmer als Versicherungsvertreter! In der Mensa trifft sie den Sohn des Apothekers wieder. Mit dem Volontariat hat es nicht geklappt. Jetzt also doch:Pillen und Tinkturen. Als er sagt: Manche Träume kann man nicht leben, aber man kann trotzdem versuchen, glücklich zu sein, vermutet sie eine verwandte Seele. In der Hochzeitsnacht popelt er und schaudernd erkennt sie, dass er immer noch derselbe ist. Der Wörtervogel schweigt ein paar Jahre, aber manchmal kommt er eben doch und dann schreibt sie anonym Geschichten für den „Kölner Stadtanzeiger“, denn es gibt eine Rubrik namens „Unverlangt eingesandt“. Als die Texte erscheinen, fragt der Apotheker: Ach, das, was eigentlich keiner lesen will? 

Da versteckt sich der Wörtervogel weit weg von ihr. Manchmal, wenn er eine Rede für den Freundeskreis der Homöopathie schreiben muss, fragt der Apothekersohn, ob sie ihm zur Hand gehen kann, dann singt der Wörtervogel ein bisschen und wenn die Leute dem Apotheker nach der Rede staunend und lachend auf die Schulter klopfen, dann kratzt er sich am Arm und schweigt und popelt ein bisschen. 

Die Jahre fliegen davon mit Kochen, Yoga, Zen-Buddhismus, Farbtherapie, Homöopathie, Pilates und Gartenarbeit, Buchbindekurs, Stricken, Vogelhausbau. Der Wörtervogel steckt das Köpfchen ins Gefieder. Als der Apotheker stirbt, kocht sie Tee, setzt sich an seinen verwaisten Schreibtisch und spuckt einen Kirschkern in den Garten. Sie schreibt eine Grabrede, bei der sich dem Vorsitzenden der Apothekerinnung die Haare an den Armen aufstellen. 

30 Jahre nach dem Abitur fährt sie zu Maria in die Eifel-Buchhandlung. Als Maria sie fragt, ob sie noch schreibt, zuckt sie die Schultern und atmet ein. Maria fragt auch nach dem Wörtervogel. Erwürg ihn nicht, sagt Maria. Da atmet sie aus. 

In der Schule sind die Flüchtlinge angekommen, acht von zehn sind junge Männer mit flaumigen Bärten und dürrenArmen, sie ducken sich, wenn sie sie anspricht, sie sind 20 Jahre alt und radebrechen und gestikulieren und lächeln verhalten. Sie gleichen keinerWelle, eher einem Brunnen und der Schulpsychologe trichtert ihr ein, dass manche Worte von nun an tabu sind. Boot ist so ein verbotenes Wort und Folter und auch das Wort Mutterbesser nicht! Die Kollegen raufen sich die Haare. Das schaffen die nie hier, sagt einer. An einem Montag geht sie zur Schulleiterin und erklärt ihr ihre Idee. Aber die brauchen doch Fußball, keine Gedichte, sagt die Schulleiterin. Sie bleibt dabei, nimmt ihre Gedichtbücher mit in die Klasse, zwei große Kisten schleppt sie in den dritten Stock und sagt: Lest. Und dann: Schreibt. Was wir wollen?, fragt Mohammad? Egal, antwortet sie. Ich kann das nicht, sagt Can. Du kannst, sagt sie. Darf ich Fuck youschreiben, fragt Suleiha. Schreib es dreißigmal auf, wenigstens so oft du kannst, antwortet sie. Darf ich auch etwas Privates schreiben, fragt Zaira. Ich bitte darum, sagt sie. Ich kann kein Akkusativ, sagt Meltem. Dativ kannst du auch nicht und es ist völlig egal, schreib einfach, sagt sie.

Woher kommen die Wörter, fragt Muharram. Da erzählt sie ihnen vom Wörtervogel und dass sie nur ein wenig warten müssen, stillsitzen und warten,und dann komme er schon. Die Sonne scheint auf alte vernarbte Tische aus Resopal. Einer fängt an zu schreiben. Dann alle. Der Wörtervogel setzt sich mal einem, mal einem anderen auf die magere Schulter. 

Afghanistan ist meine Mutter, mein Vater und mein Kind, schreibt Aliasghar. 

Neulich traf ich den Sensenmann in meiner Straße, schreibt Süleyman. 

Meine Heimat ist eine ranzige Kneipe, schreibt Luzin. 

Ich muss meine Wörter gebären und mein Mund blutet, schreibt Meltem. 

Wo ist der Krieg, wenn alle tot sind?,schreibt Ramazan. 

Was träumt der Wörtervogel, wenn er schläft, schreibt Ali. 

Am Abend liegt sie still und hört dem Kirschbaum vor dem Haus beim Wachsen zu. Der Wörtervogel schläft jetzt und morgen wird ein neuer Tag sein und noch ein Tag und noch einer. Rita lächelt leise. Dann löscht sie das Licht. 

 

 

 

 

 

Ein Astronaut, ein DJ und ein Verbrechen

Nach 23 Uhr zappe ich zufällig in Markus Lanz rein. Ich kann ihn nicht leiden, er rückt den Gästen zu Leibe, man möchte ihn mit den Händen wegwedeln und sagen: Setzt dich doch mal grade hin. Mein Fazit bis vorgestern: Pseudo-aufgeregt versucht ein Otto-Model den Leuten, die sich wahrscheinlich selbst eingeladen haben,  Sätze zu entlocken, die die aber partout nicht preisgeben wollen – Fremdschämanfall inklusive. So dachte ich. Bis vorgestern eben. Da sitzt bei Lanz ein Astronaut, ein DJ, eine Zeit-Redakteurin und ein Jurist.  Und der Astronaut bringt mich fast zum Weinen, so toll kann er von einer Welt erzählen, die mir bisher fremd war. Nach der Sendung bestelle ich zwei WAS-IST-WAS-Bücher über Raumfahrt und Marsmission, denn darüber muss ich jetzt mehr wissen. Wie kann das sein, dass das an mir bisher völlig vorbei gegangen ist? Der DJ ist mir nicht ganz geheuer, aber dann erzählt er, dass er seine schweren Fingerringe vor ein paar Jahren noch nicht getragen hätte, weil ihm das zu feminin erschienen sei und er aber irgendwann kapierte: Ich muss das sein, was ich bin und ich trag die Ringe jetzt, weil mir wurscht ist, was die anderen denken! Und das bringt mich zum Grübeln: Trage ich Kleidung oder Schmuck nicht, weil er mir zu maskulin erscheint? Was ist mit dem Totenkopfring, an dem ich seit Jahren vorbeischleiche? Wenn ich mich bloß trauen würde, wären mir die 300 Euro egal.  Aber die Vorstellung davon, was die andren sagen würden, lässt mich zögern. Der Junge beeindruckt mich. Und das Team Journalistin und Jurist erzählen von einem Massenmörder bzw. dessen Jäger und auch hier dreht sich mein Gedankenkarrussel. Was wäre, wenn… Ich gehe fröhlich ins Bett: Ich habe mich anregen und aufregen lassen, mehr erwarte ich von einer Fernsehsendung nicht.

Am nächsten Morgen erzähle ich vor dem Aufstehen eine halbe Stunde begeistert davon, was mich begeistert hat. Mein Mann schweigt zuerst, dann sagt er: Weiß ich schon aus dem „Spiegel“. Hat aber schlechte Kritiken gekriegt. Ich schnappe mir das Handy und lese es nach: Stimmt! Angeblich gab es peinliche Momente und es sei eine schlechte Sendung gewesen. Und ich frage mich mal wieder, wieso der Fokus auf das geht, was nicht gelungen ist in dieser Talk-Show. Kein Wort davon, wie begeistert der Astronaut von seinem Job erzählt hat. Kein Kommentar über das, was dort gefallen ist. Angeblich hat Lanz einen der Gesprächspartner mit einem Foto konfrontiert, das er ihm schon einmal vor vier Jahren gezeigt hatte.

Leute: So what??? Darf nichts Peinliches passieren? Kein Fehler mehr? Ist es das, wie wir die Welt wollen: glattgebügelt?

Eifel-Revuluschn

Revolutionen anzuzetteln war in der Eifel schwierig, aber nicht unmöglich. Nicht weit unserem Bauernhof befand sich ein kleiner Gemischwarenladen. Er gehörte dem Ehepaar Kraft. Frau Kraft trug einen kastanienbraunen Dutt, der von vielen kleinen perlenbesetzten Nadeln gehalten wurde. Er bildete einen wunderbaren Kontrast zu ihrem weißen Kittel mit dem weinroten Spar Aufnäher. Unter dem Kittel trug sie Polyesterkleider im Leopardenmuster und die dazu passenden Schuhe. Heute schnauft sie hinter ihrer Theke. Es ist heiß und Frau Kraft hat Herz, das wissen alle im Dorf. Als ich in den Laden husche, tippt sie gerade in eine riesige Kasse und sieht mich aus den Augenwinkeln misstrauisch an, weil sie glaubt, dass gleich etwas stehlen werde. Was ich täte. Wenn das Sortiment es zuließe. Aber Raider und Lakritzschnecken liegen außerhalb meiner Reichweite auf einem kleinen Regal hinter Frau Kraft und so schnell kommt an ihr keiner vorbei. An Omo und Schinken habe ich wenig Interesse. Dabei wäre eine Abwechslung gut. Die Tage dehnen sich aus. Wir liegen mit den Nachbarskindern und zählen Heuschrecken. Manchmal fahren wir mit dem Traktor mit raus aufs Feld. Noch vier Wochen Sommerferien, ich zähle die Tage, bis die Schule wieder losgeht. Heute haben wir stundenlang versucht mit einem abgebrochenen Stil vom Flutschfinger Kaugummis aus dem Automaten vor Frau Krafts Laden herauszubekommen, Frau Kraft schnauft mich an. „Ich hab euch jesehen“, sagt sie. „Eine Camelia für de Mama“, antworte ich. Was sich anhört wie ein Blumenbouquet ist in Wirklichkeit ein Paket Damenbinden. Frau Kraft schlurft auf Leoparden-Pantoletten mit pinkfarbenen Puscheln durch den Laden. Im Lager hat sie die Damenbinden versteckt. Dann liegt das riesige pinkfarbene Paket zwischen uns, Frau Kraft sieht mich nicht an, als sie es in Zeitungspapier einpackt und murmelt: „Isset Christine och schon soweit?“ Mehrmals monatlich – ich habe drei Schwestern – laufe ich mit einer Packung Camelia durch das Dorf, die in Zeitungspapier eingewickelt ist, damit jeder, wirklich jeder weiß, was ich gerade eingekauft habe. Die Rufe aus Fenstern und Höfen klingen lange nach. Na, isset schon soweit? Jetzt aba loss! Jetzt hat der Albert vier Stuten im Stall. Wer ist dat? Fragt einer. Dat essem Simons Al sejnte. Einen Namen habe ich nicht im Dorf. Ich bin das Eigentum von Albert Simon. So wie meine Schwestern auch. Schon wiedda ä Määdsche, hat der Opa beim dritten Mädchen gesajt. Die Flör, wat hat die prächtije Jungen. Vier Stöck. Aber meine Mutter taugt sowieso nicht. Die ist nicht wie die Flör, die schon beim BDM sportlich und kräftig aus der Schar herausstach. Meine Mutter ist aus der Stadt. Die können nur Mädchen. Brauchen Sie nicht einpacken, sage ich zu Frau Kraft. Meine Stimme zittert ein bisschen. Watt? Frau Kraft traut ihren Ohren nicht. Nicht einpacken, wiederhole ich und sehe ihr fest in die Augen. Du kannst doch net mit de Camelia so dursch et Dorf laufe. Doch, kann ich, sage ich. Ist doch nicht peinlich. Jeder kriegt doch seine Tage. Naja, jeder Zweite. Frau Kraft lässt sich nicht aufhalten und verpackt weiter. Da höre ich plötzlich mein Blut im Ohr rauschen. Ich nehme ihr das Paket aus der Hand, und wickele die Camelia wieder aus. Nä, sage ich laut. Frau Kraft schnauft immer lauter. Der Dutt wackelt. Ich gehe. Und klauen will ich hier auch nichts, sage ich, als ich rausgehe. Als ich zuhause ankomme steht mein Großvater am Buffet. Wat is dat? fragt er. Camelia, sag ich. Wofür iss dat? Das ist für mich und die anderen, wenn wir unsere Tage haben, sage ich laut. Viel lauter als notwendig. Meine Mutter guckt mich böse an. Ich habe das Wort Tage laut ausgesprochen. Das hat bisher keiner gewagt. Du musst Watte zwischen die Beine stecken, wenn deine Dings kommt!, war die ausführlichste Information, die ich vor meiner ersten Regel bekommen hatte. Jetzt starrt der Opa mir erst auf den gerade beginnenden Busen, Dann kann et ja losjonn, sagt er. Noch einige Monate verpackte Frau Kraft die Camelia in Zeitungspapier, nur um dabei zuzusehen, wie ich das Papier abstreife, die rosa Packung raushole und den Canossa-Gang nach Hause antrat. Eines Tages gab sie auf und legte mir das rosa Paket ohne Verpackung in die Hand. Für manche Siege muss

Talking to an octopus

Gestern habe ich von einem neuen Buch gelesen, das 2017 erschienen ist. Der Originaltitel heißt „Talking to an octopus“ und wenn ich die Beschreibung richtig gelesen habe, geht es darin um eine Naturwissenschaftlerin, die sich der Spezies Oktopus annähert. Dabei schildert sie die enormen Fähigkeiten dieser Tiere und stellt am Ende des Buches die Frage nach dem Bewusstsein. Was ist Bewusstsein und kann es sein, dass auch eine so anders gestaltete Art über ein Bewusstsein verfügt und wenn ja, wie könnte es aussehen.
Immer, wenn ich einen Menschen intensiv ansehe, möchte ich einmal in seine Haut schlüpfen. Wie ist es, du zu sein, möchte ich fragen. Ich möchte wissen, wie es ist, ein Mann zu sein. Oder wie es sich anfühlt, ein Araber zu sein. Je näher ich dem besten Mann der Welt komme, desto deutlicher wird mir, wie getrennt wir voneinander sind, wie eigenständig wir denken, wie unterschiedlich wir offensichtlich fühlen, wie verschieden wir werten. Ich möchte einmal in die Haut meines Liebsten schlüpfen und mich mit seinen Augen sehen. Was sieht er, wenn er mich betrachtet? Wie fühlt sich seine Trauer an und wie kommt es, dass er sich immer mehr nach innen und ich mich stets nach außen freue. Wenn er sich zum Beispiel für ein Geschenk bedankt, springt er nicht wie ich dem anderen sozusagen auf den Arm, sondern er neigt den Kopf und sagt leise: Danke, das ist schön. Am Anfang hab ich ihn immer unter dem Tisch sachte getreten, damit er sich ein bisschen mehr nach außen freut. Aber dann habe ich sein Freuen beobachtet und festgestellt, dass es da einen Moment gibt, den ich beim Freuen gar nicht habe. Einen Augenblick der Zurückgezogenheit und der Demut. Es ist die Art, wie er den Kopf neigt, die mich wissen lässt, da ist etwas, das ich nicht kenne. Etwas, das nur ihm gehört und mir niemals gehören kann.
Wenn ich mir einen technischen Fortschritt wünschen könnte, die ich in meiner Lebenszeit noch erleben darf, dann wäre es keine Reise zu anderen Planeten und Lebewesen, nicht die Verdopplung der Lebenszeit, nicht die Heilung aller Krankheiten, sondern es wäre die Fähigkeit, einmal ein anderer Mensch zu sein. Wie fühlt es sich an, zwanghaft den Gewürzschrank alle drei Wochen aufräumen zu müssen. Beim Schwimmen immer nach links zu atmen? Was ändern tausend kleine Dinge, die der andere anders macht als ich am Lebensgefühl. Wie groß oder klein fühlt sich ein anderer Mensch zum Beispiel im Verhältnis zur Welt? Würden sich meine Begriffe von groß und klein verschieben, wenn ich das einmal erlebt habe. Mein naturwissenschaftlicher Geist weiß, dass sich diese Grenzen niemals aufheben lassen und wir uns materiell über den Tod hinaus nicht begegnen können. Meine unsterbliche Seele, die es laut meinem naturwissenschaftlichen Geist nicht gibt, hofft, dass ich irgendwann später einmal genau wissen werde, wie ich die Grenze zwischen den anderen und mir überwinden kann. Ich werde mir das Buch kaufen. Lesen ist das einzige, was hilft.

Das nette und das schusselige Ich

Das nette Ich und das schusselige Ich sitzen auf dem dicksten Ast eines Apfelbaums. Die Gräser unten ihnen wiegen sich in der Märzluft. Es ist so kühl, dass das nette Ich merkt, wie sich die Haare an den bloßen Beinen aufrichten.  Das schusselige Ich schaukelt so heftig auf dem Ast hin und her, dass das nette Ich einen Moment befürchtet, sie könnten beide herunterstürzen. Es seufzt leise.

„Was ist denn schon wieder?“, fragt das schusselige Ich und knickt einen kleinen Ast ab. „Fang jetzt nicht wieder mit dieser Idee an. Du wirst niemals einen Roman schreiben!“ Es hat fünf Querfalten auf der Stirn und zappelt hin und her. „Du bist einfach nicht dazu geboren, Dinge zu Ende zu bringen!“

Das nette Ich zögert einen Moment, dann wispert es: „Aber ich könnte es schaffen… Ich habe so viele Texte…vielleicht könnte ich sie …zusammenstricken…“

„Papperlapapp“, entgegnet das schusselige Ich. „Zusammenstricken! Das passt doch alles hinten und vorne nicht zusammen! Einmal bist du komisch, dann wieder schwerfällig, einmal willst du einen Entwicklungsroman, dann etwas Psychologisches. Ich bin ja schon froh, dass dir kein Plot für einen Krimi einfällt. Das wird nichts! Schmink es dir ab, für alle Zeiten! Du wirst verwelken und vergehen, ohne dass dein Name auf einem Buchdeckel erscheint. Deine Texte werden bestenfalls von deiner Nichte gelesen werden. Die wird sie in der ollen Schachtel finden und sie wird vielleicht sagen:  too much information über ihre alte Tante. Deine Tagebücher werden entsorgt werden, genau wie deine Festplatte mit 10.000 Fotos. Da bleibt nichts, meine Liebe. Alles vergeht. So ist es auch richtig!“

„Darum geht es doch gar nicht!“, flüstert das nette Ich. „Nein??? Interessant! Natürlich geht es darum. Es geht um Eitelkeiten, sieh es doch ein. Wenn es dir wenigstens um schnöden Mammon ginge, das wäre ein Grund, den ich verstehen könnte, aber dir geht es doch vor allem darum, mindestens lokale Berühmtheit zu erlangen. Du wirst es niemals zugeben, aber Ruhm und Ehre und eine Besprechung von Dennis Scheck sind das Mindeste, was du dir ausmalst. Und darum wird das nichts. Back kleinere Brötchen. Schreib für den Hausgebrauch. Erfreue deine Schreibgruppe. Aber träume nicht mit offenen Augen und bilde dir vor allen Dingen nichts ein. Du kannst nicht schreiben wie Mariana Leky oder Paulus Hochgatterer. Deine Figuren sind oft fahl, ihre Ziele uninteressant, die Dialoge hölzern wie dieser Apfelbaum. Nach einem oft passablen Anfang geht dir regelmäßig die Puste aus und deine Metaphern sind.. na ja, sie sind fast übergriffig.“

Das nette Ich schweigt und lehnt sich an den Stamm. Die Sonne hat schon lange den Apfelbaum gewärmt und das nette Ich spürt die harte Rinde im Rücken. Noch hat der Baum keine Knospen, aber er riecht schon nach Frühling und Erwartung.

„Ich kann mich nur so schwer konzentrieren!“, sagt es leise. „Aber meine Ideen sind… also sie sind… ausbaufähig! Und ich könnte etwas schreiben, was hier passiert ist. Also von den komischen Menschen hier. Von meiner Familie und den Nachbarn. Davon, wie es war, in der Eifel 14 Jahre alt zu sein. Darüber, warum me too 40 Jahre zu spät kommt. Darüber, dass alle Erkenntnis immer zu spät kommt. Ich könnte meine Gedichte überarbeiten!“, sagt es hoffnungsvoll.

„Deine Gedichte!“ sagt das schusselige Ich. „Am Ende noch das mit den Hortensien. Du schlägst doch den Leser platt, so direkt schreibst du. Keine Eleganz und vor allem nichts, aber auch gar nichts Intellektuelles. Nichts, dass an vorher geschriebene Literatur anknüpft. Literatur braucht immer einen Bezugspunkt. Literatur braucht… sie braucht… also dich braucht sie ganz sicher nicht!“

Plötzlich ist das nette Ich traurig und müde. Die Stimme des schusseligen Ichs mischen sich als dunkler Ton ins Vogelgezwitscher. Es sinkt gegen einen Ast und schließt die Augen. Gleich wird es einschlafen.

Das wird wunderbar sein, denn es wird für eine halbe Stunde die Augen schließen und da wird Raum sein für Wortgespinste, Sprachbilder und Tagträume, für Satzreihen und Wortneuschöpfungen, für Geistesblitze und Gedankensprünge.  Das nette Ich träumt jetzt. Es träumt von Bleistiften, die immer spitz bleiben, weichem weißem Papier, über das die Tinte fliegt, von kleinen Szenen, die es in der letzten Woche geschrieben hat, und die es unbedingt noch aufschreiben muss. Es träumt von Kladden, Heften und Notizzetteln, von neuen Schriftarten und alten Buchstaben. Es träumt von einer Lektorin, die anruft und sagt: Ich habe ihr Manuskript gelesen, könnten wir uns sehen?  Das nette ich wird zum Treffen in eine Hotelsuite eingeladen. Dort sitzen der Verleger und eine Lektorin. Die Lektorin ist Ende fünfzig und hat ein Doppelkinn, der Verleger hat einen Kinnbart und gibt ihr einen Handkuss, und vor ihnen liegt ein gebundenes Buch. Das Buch. Ein kleines Buch, aber das Buch. Ein Buch. Ein Text, ein roter Faden. Eine Einladung in eine eigene Welt. Ein Tor zu den Gedanken und Hirngespinsten eines Menschen, der Schrift liebt und sich anderen offenbaren möchte. Ein Buch! Dann träumt es von Renates Schreibgruppe. Davon, wie es den Text am Sonntag vorlesen wird. Dann wacht es auf.

Großvater

 

An den Rand der Elbe darf ich nicht, da leckt der braune Fluss am unbefestigten Beton und schlürft kleine Steine in sich hinein und wer kleine Steine frisst, der frisst auch kleine Mädchen. Das hat er mir eingeschärft, der Großvater, er hat den narbigen Zeigefingerstumpf vor der Nase des Kindes hin- und hergeschwenkt und die Geschichte von den Seeteufeln erzählt, die die Seejungfrauen nicht schlafen lassen. Manchmal öffnet sich seine kratzige Hand und lässt die Lütte frei, aber ja nicht in die Nähe des Wassers. Der Opa hat seine Kapitänsmütze auf dem glänzenden Kopf und führt mich zu riesigen Bananenbergen. Containerschiffe lösen zwar schon die alten Frachter ab, aber noch gibt es Stückgut und wenn eines der Schiffe der Afrikaroute einfährt, ruft die Lotsen den Käpten an, damit der mit der Lütten kommt. Von Altona geht es zu Fuß runter in den Hafen, der Riese trägt das Kind auf den Schultern und erzählt vom Schaukeln der Wellen und wie einmal um Kap Hoorn, das die Pamir fast auf den Meeresboden zwang und nur der Klugheit der Besatzung und der Umsicht des Käptens ist zu verdanken, dass der Klabautermann die Mannschaft nicht geholt hat.

An der Mole darf das Kind auf die goldgelben Bananenberge klettern und von dort oben das Treiben im Hafen betrachten, bis eine grauweiße Möwe ihm die Frucht aus der Hand reißt und sie im Goldschnabel  davonträgt,  hinüber zu Bloom und Voss und den blaurostigen Riesen, die im Containerhafen die rechteckigen eisernen Käfige aus den Schiffen heben, so als seien diese nur lächerliche Legoteile. Da sitzt das Kind und schaut der Möwe nach und hört die Stahlseile donnern und laute Rufe in fremder Sprache vom anderen Ufer. Der Großvater parliert unten im Bananental auf Französisch oder Englisch mit den Kollegen von früher, die Männer lachen laut und herzlich und wenn die Arbeiter mit ihren geschwärzten Gesichtern am Großvater vorübergehen, dann ducken sie sich ein bisschen und tippen mit dem Finger an die Schiffermütze: Moin, Herr Kaptäjn.

Wenn die Kälte bei der Heimkehr im nach Bohnerwachs riechenden Treppenhaus von uns lässt und ich die Treppe zum dritten Stock mit meinen kurzen Beinen noch nicht schaffe, lockt der Großvater mich mit dem Versprechen von frischen Butter-Franz-Brötchen und steht auf jedem Treppenabsatz still und wartet lächelnd auf das Kind und lobt es zärtlich, indem er ihm die wilden Locken glatt streichelt. Oben im Halbdunkel steht die Großmutter mit Kittelschürze in der Wohnungstür, sie hat noch das Kartoffelschälmesser in der Hand und verspricht dem Kind eine schöne Scholle und nimmt ihm die kleine Jacke vorsichtig ab. Die Scholle zischt in heißer Butter und die Kartoffeln der Großmutter sind immer klein und rund, kein Stück verkommen lassen, dünn schälen, wir hatten nichts, im Morgengrauen waren wir Kohlen klauen und einmal hat ihr einer ein Stück Speck geschenkt und dann wurden sie doch davongejagt. Ihr wisst ja nicht.

Beim Mittagessen thront das Kind auf drei samtenen Sofakissen, es hält sich still, denn der Stuhl hat keine Lehne und wenn es sich bewegt, wird es herunterfallen. Der Großvater und die Großmutter senken die Köpfe und die Großmutter murmelt ein Komm Herr, Jesus und sei unser Gast und erst wenn der Großvater den silbernen Löffel in die Suppe getaucht hat, darf auch die Großmutter und danach das Kind.

Nachmittags geht es die Arnoldstraße hinauf und hinunter, ein Halt beim steinernen Seehund im Park und den großen Kindern beim Rollschuhlaufen zusehen. Am Bunker vorbei, da saßen wir und als die Flieger kamen und die Stadt brannte und besser wir gehen morgen einen anderen Weg.

Einige Sommer später darf das Kind dann und wann im Hafen an einem Steuerrad drehen und alleine in den Bauch der Schiffe klettern, in die riesigen Hallen vor Ankunft der Container. Aber da ist der Großvater schon ein hinkender Koloss, ein schweigender Migränegeplagter, der beim Luftholen rasselt und pfeift. Wie ein Schleppdampfer ein Containerschiff ziehe ich den Großvater nun auf den Straßen hinter mir her, ein unsichtbares Seil verbindet uns, er ist nun langsam und ich schnell und ich will runter zu den Landungsbrücken und die Tippelschritte des Großvaters, die sein Sterben ankündigen, kann ich noch nicht als das lesen, was sie sind und ich zittere vor Ungeduld.  Der Großvater schließt jetzt oft die Augen und reibt sich die Stirn mit einem großen weißen Taschentuch ab, H.C. ist in eine Ecke des Tuches gestickt, Handarbeit. Er zieht sich mit beiden Händen die Taue hoch in die Schiffe hinein, ein Holzsteg und zwei Taue dicht am Schiffsrumpf entlang und wenn er oben ankommt, lächelt er ein strahlendes Lächeln und küsst der Frau Kaptäjn die Hand und zieht eine Tafel Schokolade und eine Flasche Wein aus der Tasche. Er lässt die Aura der Bitterkeit fallen wie einen zu klein gewordenen Mantel und dann spricht er mit seinen Leuten, mit seinesgleichen, mit denen, die das Meer an immer neue und alte  Häfen spuckte und spucken wird, mit denen, die seine Liebe und seine Sehnsucht verstehen und sein Können, mit denen, die noch ums Hoorn gesegelt sind, mit denen, die ihn im Mastkorb gesehen haben. Auf dem Heimweg schiebt der Großvater die Schultern nach vorne, zieht den Kopf ein und blickt auf das Kopfsteinpflaster.

Nur dann und wann, wenn der Elblotse kommt, ein Mann mit einem tausendfaltigen Gesicht und weißem Haar, geht es dem Großvater gut und auch die Großmutter kichert wieder und geht ein wenig aufrechter. Oft sitzen der Lotse und der Großvater am Resopaltisch in der Küche im dritten Stock und flüstern von damals. Die Stube nutzt man nur sonntags und die Küche hat viel Sonne und man sitzt enger und kann besser verstehen.  Da sitzt dann die Lütte auf ihren Kissen und lauscht den Taten des Großvaters und des Lotsen und versteht, dass es einmal eine Zeit ohne Augenschließen und Taschentuch gegeben hat. Eine, in der der Großvater mächtig und lustig war und in allen Häfen der Welt zuhause. Bangkok, Rio, die Nordroute, Panama und immer wieder Kap Hoorn.  Die Pamir, die Helgoland. Keiner so flink und schnell im Krähennest wie der Großvater und niemand so behänd die Seile gewunden. Niemand, der lauter die derben Lieder sang und Rum trank man aus Fässern, nicht aus Gläsern. Die Großmutter schneidet schweigend den dicken rohen Schinken zu Würfeln und kein Fitzelchen und kein Gramm gehen verloren, was hat man gehungert im Krieg und wenn ihr wüsstet.

Im dreiteiligen Spiegel im Schlafzimmer der Großeltern spiegelt sich das Kind, es ist nun größer als die Großmutter und trägt blaue Hosen. Und durchs offene Fenster dringt der Gestank des Hafenschlicks und das Wispern der Wellen hinauf nach Altona und das Kind legt sich hin und träumt von den Möwen. Die begleiten ein Schiff, das den Hafen verlässt, auf unbekannte Routen drängend, schnell gleitend ins offene Meer. Vorbei am Schulauer Fährhaus, noch ein letztes Winken, ein dröhnendes Tuten und bald, bald schon ist das Land verschwunden und das Kind allein im tosenden Geraune.

Der Niederösterreicher

Im Mai sage ich dem besten Mann von allen, dass ich nun ein paar Jahre nicht mehr fliegen will. Die engen Sitze, der Verlängerungsgurt, vorwurfsvolle Blicke vom Kabinenpersonal. Ich habe es satt.
Er reißt die Augen auf. „Nach Österreich? Was sollen wir da? Die Berge sind zu steil, das Kauderwelsch verstehen wir nicht und von der politischen Gesinnung will ich gar nicht reden! Da kann ich ja gleich in Dunkel-Deutschland Urlaub machen!“
„Vorurteile hast du aber keine?“, frage ich und streichele seinen Arm. Ich weiß ja, dass er mitkommen wird. Er lässt mich immer erster Bestimmer sein und heimlich teile ich seine Bedenken, zumindest die wegen der Berge. Ich freue mich schon. Die Fahrt zum Erlaufsee, im GEO-Magazin eine der letzten Ruhe-Oasen genannt, wird mindestens acht Stunden dauern. Acht Stunden über die letzten Wochen reden, Podcast hören. Wir werden streiten, wer fahren darf und er wird Gott sei Dank gewinnen. Acht Stunden werde ich neben meinem wundersamen Mann sitzen, der mich mit Altherrenwitzen über Österreich ärgern wird, bis ich einen hysterischen Anfall vortäuschen werde, dann wird Ruhe sein.
Als wir losfahren, bette ich meinen Kopf auf das Samtkissen, das er mir zu Weihnachten geschenkt hat. In Köln – Süd schlafe ich schon und als er mich in Montabaur weckt, um zu fragen, ob ich ins Outlet will, packe ich das erste Butterbrot aus. Der beste Mann von allen hört Falco und zieht die Mundwinkel nach unten. „Seit Köln-Süd fährt jetzt dieser Österreicher vor mir her“, sagt er, „so ein Knabe mit einer Hohlraumversiegelung, der sieht so aus wie eine Karikatur von Deix. So ein Niederösterreicher. Der regt mich auf! Wie der fährt! Und so was hat ´nen FordMustang!“. Hohlraumversiegelung ist eines seiner Lieblingswörter. Er meint damit die Baseballkappe, die ich beim nächsten Überholmanöver unsererseits auch zu Gesicht bekomme. Auf dem Schirm steht „Digga“. Der fährt wirklich komisch. Vielleicht hat er was getrunken.
Als wir an der nächsten Raststätte halten, stößt der beste Mann von allen mich auf dem Weg zum Raststätten-Restaurant an. Vor uns schlurft der Niederösterreicher. Er ist etwa fünfzig und trägt außer der Kappe dunkelgrüne Flipflops, ein lila-weiß gestreiftes Polohemd, das über dem Bauch spannt und eine Goldkette mit Säbelzahnanhänger, die meinem Mann ein verächtliches Schnauben entlockt. Wir gehen am Ford Mustang des Niederösterreichers vorbei auf die Raststätte zu. „Guck mal, da sitzt noch einer drin“, sagt mein Mann und lugt auf die Rückbank. „Is´ klar, Folie auf der Heckscheibe und hinten“, sagt er enttäuscht, denn er kann nichts im Inneren des Wagens erkennen. „Passt ja ins Bild“.
Fünf Minuten später reihen wir uns in der Schlange vor den Hamburgern ein. Der Niederösterreicher steht vor uns und kratzt sich mit den Zehennägeln des linken Fußes an der rechten Wade. Sein Doppelkinn wogt hin und her, seine fettigen Haare sind im Elvis-Look nach hinten gegelt, die Kappe hat er sich in den Nacken geschoben. Er bestellt drei Hamburger und drei Cola und verlässt die Raststätte mit dem vollen Tablett. Die Augenbraue meines Gatten schießt nach oben. Von Tablettklauern hält er nicht viel und außerdem ist er grade auf Diät. Wir kaufen uns zwei Erdbeerflips und gehen zurück zum Wagen. Vom Niederösterreicher keine
Spur, allerdings sind die Fenster des Mustangs weit geöffnet. „Ich mach´ mal die Klima an“, sagt mein Mann und wir schieben unsere Vordersitze zurück und setzen uns rein. Ich luge heimlich nach links. Jetzt wird er gleich trinken. Der beste Mann von allen liebt Strohhalmtrinken und ich stelle mir dabei vor, wie er als Neunjähriger ausgesehen hat. Dann mag ich ihn noch mehr als sonst.
Aber er stellt seinen Erdbeerflip nur in die Ablage und starrt durch die Windschutzscheibe nach draußen. Der Niederösterreicher sitzt zehn Meter rechts vor uns auf einer Bank unter einem Haselnussstrauch. Eine Klaviersonate weht durch die heruntergekurbelten Fenster des Mustangs zu uns herüber. Auf dem Schoß hat er einen etwa sechsjährigen Jungen. Beine und Arme stehen wie kleine abgenagte Hühnchenknochen von dem weißen mageren Körper ab, der in der Mitte zusammengeknickt ist. Den verformten Kopf wirft das Kind hin und her. Die Spastiken schütteln seinen kleinen Leib und sein spitzer Vogelmund schnappt nach Luft. Ganz langsam reißt der Niederösterreicher kleine Stücke des ersten Hamburgers ab und füttert den Jungen damit. Der Junge spuckt die Stücke wieder aus. Aber der Mann streichelt dem Jungen mit den Fingerspitzen das Gesicht und der Junge schluckt schließlich. Dann beginnt die Prozedur von vorne. Plötzlich klingelt ein Handy. Gloria Gaynor, „I will survive“. Der Mann versucht verzweifelt, das Gerät aus seiner Hosentasche zu ziehen, aber der Junge liegt zu schwer auf seinen Beinen.
„Komm mit!“, sagt der beste Mann von allen. Er steigt aus und geht auf Vater und Sohn zu. Er nimmt dem Mann das Kind aus den Armen und hebt es hoch. Der Junge atmet schwer und zuckt, aber mein Mann hält ihn ganz sachte und spricht leise mit ihm. Der Niederösterreicher hält den Hörer ans Ohr und sagt irgendetwas in einem Dialekt, den wir nicht verstehen. Dann drückt er das Handy aus, steht auf und nimmt das Kind wieder in Empfang. Die beiden Männer taxieren sich.
„Der Piefke mit dem Diesel!“, sagt der Mann und lächelt schief, „hast mich doch noch eingekriegt? Aber am Berg häng ich dich wieder ab! Heiß heute“. Er lacht, aber das Lächeln reicht nicht in seine Augen hinein. Steingraue Schatten unter sehr blauen Augen, Bartstoppeln, ungewaschene Haut.
„Kann er Erdbeerflip trinken?“ fragt mein Mann. „Ich hab´ noch einen Strohhalm!“
„Na, eher ned,“ sagt der Vater und wischt sich den Schweiß von der Oberlippe.
„Müsst ihr noch weit?“ fragt er dann.
„Erlaufsee, ist noch ein Stück.“
„Schön. Erlaufsee. War ich auf Hochzeitsreise. Lang her. Ist jetzt weg, die Frau. Komm grad von der Mutter. Aber die wird auch nicht damit fertig. 87. Jetzt bring ich ihn nach Wien, ins Heim. Seit der Bub weiß, wo´s wieder hingeht, will er nicht essen! Aber Mustang fahren, des mog er.“ Er hebt die Schultern und lässt sie wieder fallen.
„Ihr müsst weiter!“, stellt er dann fest. „Is no a Stückerl!“.
„Ich hab´ noch Zeit. Und ich geb´ dir Vorsprung“, sagt mein Mann. Er setzt sich und faltet die Hände hinter dem Kopf. Ich setze mich auf die andere Seite des Mannes. Wir beobachten die lange Reihe LKWs, die auf der Raststätte stehen.
„Scheiß-Job“, sagt der Mann.
„Stimmt!“, sagt mein Mann. Er zieht am Strohhalm, obwohl der Becher längst leer ist. Wir sitzen und schauen. Der Duft von Wiesenblumen legt sich über den Dieselgeruch. Die Autobahn rauscht. Über uns, zwischen den Blättern des Haselnussstrauches krabbeln kleine Spinnen. Mein Mann nimmt meine Hand, die hinter dem Vater auf der Lehne liegt. Wir atmen. Und schauen. Der Junge liegt und schläft. Dann fängt er an zu zucken, er öffnet die Augen und greift nach dem Gesicht seines Vaters.
„Okay, ich fahr los!“, sagt der. Gemeinsam setzen sie das Kind auf den Rücksitz und schnallen es fest. Bevor der Mann losfährt, kurbelt er das Fenster runter.
„Das wird eine Gaudi. Du kriegst mich net!“, sagt er und setzt die Kappe wieder auf.
Wir gleiten mühelos auf der Autobahn dahin, schweigend. Nach einer halben Stunde überholen wir den Mustang von links, der Vater winkt freundlich. Bis Würzburg: überholen, winken, überholen, dann verschwindet der Mustang für immer.
„Ich freue mich auf den See“, sagt der der beste Mann von allen, als in der Ferne die ersten Berge auftauchen, „und auf das Essen. Und auf die Leute! Und auf die Berge…. das schaffen wir.“